Selbstbewusst schrieb er vorne in das Notenbuch seinen Namen und seinen Besitzanspruch, der Samuel Joneli aus Boltigen (1748-1825), Landsvenner des Oberen Simmenthals, im höchsten militärischen Rang der Talschaft:

Später brachte er es bis zum helvetischen Senator und Regierungsstatthalter für den neuen Kanton Oberland (Hauptstadt Thun) in der kurzen und intensiven Zeit der napoleonisch geprägten Helvetik (1798-1803). Sein Werdegang galt als überraschend bzw. als Zeichen seiner Intelligenz, hatte er sich doch viele Kenntnisse im Selbststudium angeeignet und war insbesondere der französischen Sprache mächtig. Im Jahr 1800 demissionierte er nach nur zwei Jahren von allen Ämtern:
„(…) Wenn ich meine geringen Fähigkeiten erwege, mit welchen ich diese Stelle antrat, deren Wichtigkeit mir nicht nur wegen der neuen Ordnung der Dinge, sondern wegen Mangel an theoretischen und praktischen Kenntnissen ganz unbekannt war, wenn ich alle die Pflichten erwege, welche ich damit verbunden fand, und die Ereignisse, welche sich während diesem Zeitraum zutrugen, so schaudert mir vor meiner Unvorsichtigkeit, mit welcher ich mich zu ihrer Annahme entschloss. (..) Alle diese Gefühle vereint mit meinen körperlichen Gebrechen, die ich ihnen schon in meinem damaligen Entlassungs-Begehren angezeigt, erneuern die Wünsche in mir zur Wiederkehr in meinen Privat-Stand. (…)“ (aus einem Schreiben vom 31. März 1800 an den Vollziehungs-Ausschuss).
Joneli soll recht begütert gewesen sein, sein Vermögen soll im Jahre 1811 Fr. (oder livres) 75’000.- betragen haben, was heute von mindestens CHF 1 Mio. bis zu einem tiefen zweistelligen Millionenbetrag reichen würde. Wenn er ein solches Notenbuch sein eigen nannte, so hatte er vermutlich auch ein Tasteninstrument im eigenen Haushalt zur Verfügung, was damals (wie heute) als Distinktionsmerkmal taugte.
Das Buch enthält 139 einfache Stücke für ein Tasteninstrument, darunter die bislang älteste bekannte Niederschrift des sog. „Alter Berner Marsch“, der eigentlich der Marsch der Berner Söldner gewesen war. Bei Joneli heisst er „Solothurner Marsch“, was nicht erstaunen muss, weil v.a. in Solothurn die Söldnertruppen für Frankreich zusammengezogen und für ihren Auslandseinsatz ausstaffiert wurden. Die tagelang dorthin gewanderten armen Schlucker hatten oft nicht einmal Stiefel, von einer Uniform und sonstiger Ausrüstung ganz zu schweigen. Solothurner Familien wurden aus diesen einträglichen Vermittlungsgeschäften reich, was noch heute an den stattlichen Bürgerhäusern abzulesen ist. Erst 1859 wurde das Söldnertum in der Schweiz verboten.

Das Notenbuch ist von mindestens einer Hand geschrieben worden, die je nach Sprache entweder die in Frankreich gebräuchliche Schrift wählte oder die im deutschen Sprachraum geläufige Kurrentschrift. Die ersten Stücke sind kurze Präludien durch mehrere Tonarten, alle in der Oberstimme im C-Schlüssel. Danach folgen Menuette, Märsche und Arien (Spielstücke), im G- oder C-Schlüssel. Anschliessend finden sich einige deutschsprachige Lieder und im Schlussteil nochmals Tanzstücke: einfache Walzer, ein Schleifer, eine Monfarine, eine Polonoise, einige Allemanden und Contredances. Interessant ist, dass der ‚Marche des Janissaires‘ von André Ernest Modeste Grétry innert nur zweier Jahre nach der französischen Revolution den Weg ins Bernische Land fand.
Unklar bleibt, ob Joneli seinen Namen in ein leeres Notenbuch schrieb, das erst später befüllt wurde oder ob er ein fertiges Notenbuch erwarb und seinen Namen vorne hinein schrieb, das Notenbuch also sogar etwas älter als 1791 ist. Einige Lebensdaten zu Joneli soll eine Frida Elise Karlen-Brand (1863-1938) am 18. März 1933 auf die Seite 111 geschrieben haben, wie jemand anderes später als Information hinzufügte. Auf dem vorderen Inneneinband findet sich der Vermerk „Hs. Brand, Interlaken“ und der Hinweis, wonach Dr. Georg Duthaler aus Basel das Notenbuch am 15. Oktober 1985 der Bibliothek geschenkt habe. Dieser war der Autor des Buches „Trommeln und Pfeifen in Basel“, in dem auch die alten Schweizermärsche Erwähnung fanden. Wie das Notenbuch zu ihm gefunden hatte, ist unbekannt, könnte aber über die Familien Brand und Karlen erfolgt sein.
Obschon dieses Notenbuch für ein Tasteninstrument geschrieben wurde, wird vorliegend eine Ausnahme von der ‚TradBarock-Regel‘ gemacht, wonach solche Manuskripte aus der bürgerlichen Sphäre und der angeeigneten Kunstmusik hier nicht behandelt werden. Denn es enthält einige Konkordanzen zu anderen Manuskripten aus anderen europäischen Ländern. Auch sind Notenmanuskripte von/für AmateurInnen des 18. Jh. in der Schweiz praktisch nicht vorhanden bzw. wurden nicht überliefert.
Das Manuskript befindet sich in der Burgerbibliothek Bern und kann nach Voranmeldung dort angesehen und mit Erlaubnis der Bibliothek auch fotografiert bzw. gescannt werden. Es gibt bislang kein von der Bibliothek publiziertes Digitalisat.
Nachfolgend findest Du ein behelfsmässiges Digitalisat des Originalstücks, das zeilengetreue Transkript mit Anmerkungen zum Download unter einer CreativeCommons-Lizenz sowie ein ‚klingendes Leadsheet‘ einer einstimmigen Neufassung. Die Neufassungen mit Bogenstrichen und Harmonisierung kannst Du nachfolgend als einzelne Seiten beziehen.
Marche de Soleure Joneli 24a
Menuet Joneli 31b
Konkordanzen: Bolhuis K 16, 163; Bolhuis 201, 60d (Nr. 112: Menuet van de Princes Royael); Joneli 31b (Menuet)
Aria Joneli 47b
Konkordanzen: Dahlhoff I, 119 (Menuet); Joneli 47b (Aria)
Aria Joneli 52
Konkordanzen: Bang II, 20a (Nr. 36: Murky); Bast 31a (Murchy); Bolhuis K 17 (Nr. 259); Bolhuis 201 10b (Nr. 21: Marche) und 29c (Nr. 81: Marche); Bryngelsson 13a (Allegro 1mo); Gruytters 26 (Nr. 40: Marche); Joneli 52 (Aria); Nielsen 6v (Nr. 11: Morchy); Sperontes Nr. 33 (Ich bin nun wie ich bin); Spriet 25a (Nr. 41: Murkij); Storm 6v (Nr. 14: Murchy); Svabo 33v (Mars)
Presto Joneli 65b
Walz Joneli 88a
Walz Joneli 88b
Walz Joneli 94
Schleifer Joneli 97b
Allemande Joneli 100, 101a
Allemande Joneli 104b
